Hacken (kartoniertes Buch)

Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart
ISBN/EAN: 9783608503098
Sprache: Deutsch
Umfang: 140 S.
Format (T/L/B): 1.3 x 19 x 14.1 cm
Auflage: 1. Auflage 2012
Einband: kartoniertes Buch
Auch erhältlich als
15,00 €
(inkl. MwSt.)
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Hat die digitale Revolution die Unterschiede aufgehoben zwischen Stadt und Land? Die Technologie jedenfalls macht es möglich. Jetzt kann er sein Leben ändern. Raus aus der Großstadt und hinein ins digitale Landleben. Der Popjournalist Christoph Braun verlässt Berlin und siedelt sich im 1320-Seelen-Dorf Evessen im Landkreis Wolfenbüttel an. Erstaunt begegnet er dem Hightech in der Landwirtschaft. Doch was ihn mehr fasziniert, das ist die ökologische Lebensform, die er in Berlin noch belächelt hat. Zum ersten Mal nimmt er eine Pendelhacke in die Hand und hilft bei den Ökos aus: jäten, säen, gießen, ernten. Der sich bisher nur in digitalen Welten als Hacker begriff, greift nun mit der Hacke in sein Leben ein, und entdeckt eine neue unideologische Wunschvorstellung von Autarkie und Selbstbestimmung.
Christoph Braun geboren 1970 im Saarland, zieht nach Stationen in Saarbrücken, Glasgow und Berlin 2005 in das Dorf Evessen. Von dort aus arbeitet er mit Berliner Musik-Mags und schwedischen Kunstmagazinen zusammen und pendelt ans Deutsche Theater Berlin, dessen Musikprogramm er drei Jahre lang gestaltet. Im August 2009 eröffnet Braun den Blog 'hacken.spex.de' über Landarbeit und Popkultur.
STRATEGISCHE EINGRIFFE Als ich im Jahr 2005 von Berlin in das Dorf Evessen nach Niedersachsen zog, war ich auf der Suche nach einem unbekannten Leben. In der Kohle- und Stahlprovinz war ich aufgewachsen und zwei Großstädte hatte ich kennengelernt, eine kleine, eine große. Das Staunen über die Art und Weise, wie die Leute hier leben, wächst auch nach mehr als fünf Jahren noch. Zunächst bot sich mir, der dieses Leben so blank, so unvorbelastet wie möglich kennen lernen wollte, das Landleben als Idylle dar, als ein gelungenes Landschaftsbild aus Feldern, Wäldern, Hügeln und Tälern. Ich wurde empfänglich für den Rhythmus der Jahreszeiten. Auch sein Takt erreichte mich über Bildeindrücke, Bilder im Sommer, im Herbst, im Winter und im Frühjahr. Hinzu kamen nach und nach konkrete Erfahrungen, inzwischen bestimmen sie das Bild. Ich lebe hier in keiner Idylle, sondern in einer bedeutenden Agrarregion Mitteleuropas. In einer Landschaft, in der sich die Widersprüche des landwirtschaftlich geprägten Lebens vor der Haustür abspielen, Stützpunkt der Agrargentechnik, bevorzugtes Gebiet der ökologischen Landwirtschaft. Auch das Bewusstsein für die Hintergründe der Strom- und Energieversorgung wird an der Grenze von Niedersachsen zu Sachsen-Anhalt geschärft. Von meinem Schreibtisch aus blicke ich auf den Gebirgszug Asse. Die Helmholtz-Gesellschaft hat hier seit Ende der 1960er-Jahre illegal 125 000 Fässer mit schwachradioaktivem und 1300 Fässer mit mittelradioaktivem Müll in die Stöcke gekippt. Inzwischen hat ein riskantes Bergungsprojekt begonnen, das jedoch durchgeführt werden muss, da ansonsten die radioaktive Verstrahlung von Trinkwasser droht. Die digitalen Informationstechnologien versorgen die hintersten Winkel mit Informationen, die noch vor kurzem den Menschen in der Stadt vorbehalten waren. Land und Stadt gleichen sich aber auch in einem Bedürfnis nach Lebensmitteln aus eigenem Anbau an. So ist in den vergangenen Jahren auch in den Städten eine Vielzahl von Gartenprojekten entstanden. Manchmal kommt es mir vor, als tobe da ein gewaltiger Kampf zwischen Automatisierung und Autonomie. Letztendlich geht es ums Hacken, um das strategische Eingreifen sowohl in das persönliche Leben als auch in komplexere soziale Prozesse. In Land und Gartenbau bedeutet Hacken: den Boden derart bearbeiten, dass er durchlüftet wird, Wasser besser aufnehmen kann, dass die wild wachsenden Kräuter nicht dem Anbau in den Weg wachsen. Hacken ist also auch ein ParsproToto für den Eigenanbau von P?anzen, denn Hacken geht nur mit der Hand. Die konventionelle Landwirtschaft dagegen ist heute oft gar keine Handarbeit mehr, sondern ein Schauplatz der avanciertesten digitalen Technologien. High-Tech-Traktoren, Satellitenüberwachung, permanente Bodenuntersuchungen im Chemielabor gehören zum Alltag auf dem Land. Die computergestützte Landwirtschaft bedeutet nur einen weiteren Schritt hinein in die Untiefen der Ef?zienz und damit in das Kernprogramm der kapitalistischen Logik. Ef?zienz speist die Programme, nach deren Vorgaben die Konzerne der Weltwirtschaft handeln. Ef?zienz bedeutet Gewinnsteigerung, weshalb jedes börsennotierte Unternehmen für einen Mangel an Ef?zienz von den Aktieninhabern bestraft wird. Jedes mittelständische Unternehmen, jeder Kleinbetrieb, jede Selbständige, jede Freiberuflerin müssen dieser Logik folgen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat die Landwirtschaft in Mitteleuropa mehrere Prozesse erlebt, deren Ziel das Steigern der Ef?zienz gewesen ist. Auf die Maschinisierung und das Aufkommen der Agrarchemie in der ersten Hälfte folgte die Entwicklung genmanipulierten Saatguts gegen Ende des Jahrhunderts. Durch Informatisierung und Satellitentechnik herrscht im Agrarraum inzwischen ein Grad von Automatisierung vor, der mit der Notwendigkeit des Anbaus von Lebensmitteln kaum mehr etwas zu tun hat. Entsprechend haben die Menschen das Gespür für ihre Nahrung verloren. Die Landwirtschaft dient nicht zur Versorgung der Leute am Ort mi
Wer den Code des eigenen Lebens knacken möchte, braucht einen Rechner - und ein doppelschneidiges Messer am Stiel.