Eskorta (gebundenes Buch)

Roman, Tropen
ISBN/EAN: 9783608501025
Sprache: Deutsch
Umfang: 250 S.
Format (T/L/B): 2.5 x 21.4 x 15 cm
Einband: gebundenes Buch
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Der Osten ist der neue Westen! Michal Hvorecky hat den Roman zum neuen Europa geschrieben: die unglaubliche Geschichte von der Karriere eines Callboys an der Grenze zwischen Osten und Westen, zwischen Gegenwart und Zukunft. Michal Kirchner ist Sprössling einer ungewöhnlichen Familie. Geboren aus der Zweckehe seiner homosexuellen Eltern muss er schon als Kind die skrupellose Überwachung durch den tschechoslowakischen Geheimdienst miterleben. Er flieht in den Westen und kehrt erst als junger Erwachsener in seine Heimatstadt Bratislava zurück. In der Metropole des neuen Turbokapitalismus beginnt seine Karriere in einem Begleitservice für reiche Managergattinen aus dem Westen. Michal Hvorecky hat einen ironischen und grotesken Roman über das neue Europa geschrieben - politisch, sexy und exzessiv.
Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Er hat bisher einen Roman und zwei Erzählbände veröffentlicht. In der FAZ und der ZEIT sowie zahlreichen weiteren Zeitschriften sind Essays und Geschichten von ihm erschienen. Er ist der erfolgreichste slowakische Autor seiner Generation und wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet.
I. BRRRAATISLAVAAAA Tell me if you can What makes a man a man Charles Aznavour 1. Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich als Frau besser ausgesehen hätte: ein ovales Gesicht mit blasser, glatter Haut und einer kleinen Nase, kerzengerade lange und schlanke Beine, ausladende Hüften, eine schmale Taille, hellblaue Augen, blondes Haar und weiße Zähne. Die festen Arme und breiten Hände waren zwar für große Gesten gemacht, doch blieben sie bei mir allzu sanft für einen Mann. Meine sterbliche Hülle wirkte trotz ihrer beachtlichen Größe von 1, 91 Metern fragil. Die Schultern hätten wesentlich breiter sein müssen, der Brustkorb gewölbter, das Kinn schärfer geschnitten, die Wangenknochen markanter, der Blick energischer. Auch lange Haare hätten mir gut gestanden. Ich hatte fast keine Augen brauen und kein einziges Härchen in den Achselhöhlen. Meine Brust blieb verblüffend glatt. Schon seit frühester Kindheit musste ich mir immer wieder Sätze anhören wie 'Das könnte aber auch eine hübsche Tochter sein ! ' oder 'Du hättest wohl ein Mädchen werden sollen?'. Noch mit neun Jahren passierte es, dass mich auf Spaziergängen mit meinen Eltern Leute ansprachen: 'Na, meine Kleine, wie heißt du denn ?' Wenn mein Vater sagte, dass ich Michal heiße, entschuldigten sie sich: 'Verzeihung. Du bist also ein Junge? Wirklich? So ein goldiges und niedliches Kerlchen!' Zwischen zwölf und dreizehn nahm mein Gesicht noch weiblichere Züge an. Die Veränderung meines Aussehens hatte zur Folge, dass mich Leute, die mich zuletzt mit elf gesehen hatten, entgeistert musterten. Es stach in die Augen. Auch meine Eltern hätten das bemerken müssen. Es machte den Eindruck, als könne sich meine männliche Identität nicht in vollem Umfang entfalten. So manches Detail, das andere an mir hervorhoben, betrachtete ich als Mangel. Sogar meine eigene Stimme war für mich wie die eines Fremden, denn sie klang, auch als ich erwachsen war, noch weich und zart und wenig prägnant. Mein eigener Körper störte mich, ja, fast quälte er mich. Als wären beide Geschlechter in mir verborgen. Ich hätte zum neutralen Geschlecht gehört, wenn es so etwas gegeben hätte. Trotz alledem wollte ich damals diese Frau noch nicht töten. Die Frau in mir. 2. Meine Familie stammt aus der Tschechoslowakei. Dafür kann ich nichts. In einem so winzigen Land wurde sehr aufmerksam beobachtet, woher man kam und aus was für einer Familie. Meine Vorfahren hatten sich in der Vergangenheit ihren Lebensunterhalt in den verschiedensten Berufen verdient, waren Bauern, Gutsverwalter, Soldaten und Beamte gewesen. Als Kind sprach ich Deutsch, auch wenn das schon damals ganz unzeitgemäß war. Mein Großvater, der Rechtsanwalt Herbert Kirchner, Jahrgang 1887, gehörte zu den bekanntesten Homosexuellen in der Tschechoslowakei der Zeit zwischen den Kriegen. Er war in Böhmen geboren und damit österreichischer Staatsbürger. Seine Erziehung erhielt er auf Militärschulen, danach studierte er Jura. 1918 begrüßte er den Fall von Österreich-Ungarn und die Gründung einer eigenständigen Tschechoslowakei. Er tauschte die Uniformen gegen Anzüge mit englischem Schnitt aus, rasierte sich den Backenbart ab und widmete sich nun Jazz, Sport und Autos. Mein Großvater wirkte auch mit fünfzig noch ungewöhnlich jung. Er war immer elegant gekleidet, und wenn er auf dem Weg in eins der Kaffeehäuser der Prager Altstadt den Graben entlang flanierte, schaute er den jungen Herren, die voller Sorge von den sie begleitenden Damen bewacht wurden, tief in die Augen. Er hatte hervorragende Manieren und wusste nicht nur, wie man sich korrekt benimmt, sondern war auch ein begnadeter Redner. Mit deutschsprachigen homosexuellen Kreisen kam er vor allem im Café Continental in Kontakt, wo regelmäßig Kabarettvorführungen und Travestie-Shows stattfanden. Dort verkehrte er auch mit Männern, die ihre Orientierung sonst unterdrückten oder geheim hielten. Herbert lebte in einer Mietwohnung Leseprobe